Sierra Leone

Hat Sierra Leone ein Schuldenproblem?

Nach einer Phase relativer Stabilität infolge der Entschuldung im Rahmen der Initiative für hoch verschuldete arme Länder (engl. Heavily Indebted Poor Countries, HIPC) und dem Ende des Bürgerkriegs sind alle Indikatoren bis auf einen wieder im (teilweise sehr) kritischen Bereich. Die hohe Konzentration auf den Rohstoffexport und die fragile politische Situation können die kritische Situation rasch wieder zur Schuldenkrise eskalieren lassen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2017)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)47,340
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)213,0150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)7,115
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)63,950
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)424,3200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)1,713 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)57,6 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Es gibt keine Auslandsschulden privater Unternehmen oder natürlicher Personen aus Sierra Leone bei öffentlichen Gläubigern, d.h. alle Auslandsschulden sind auch öffentliche Schulden.

Wer sind die Gläubiger von Sierra Leone?

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Es gibt keine Auslandsschulden privater Unternehmen oder natürlicher Personen aus Sierra Leone bei ausländischen Gläubigern, das heißt alle Auslandsschulden sind öffentliche Schulden.

Sierra Leone weist ein aus zwei Komponenten bestehendes Gläubigerprofil auf: Fünf Sechstel der Auslandsschulden bestehen gegenüber öffentlichen Gläubigern, davon wiederum rund drei Viertel gegenüber multilateralen Finanzinstitutionen, insbesondere der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA) und der Afrikanische Entwicklungsfonds (AfDF) sowie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), auf den alleine 500 Millionen US-Dollar entfallen. Diese Kredite wurden langfristig und zinsgünstig aufgenommen, das heißt sie stellen eine relativ geringe laufende Belastung der öffentlichen Finanzen dar.

Das verbleibende Sechstel der gesamten Auslandsschulden besteht gegenüber privaten Gläubigern und zwar in Form klassischer Bankkredite. Es handelt sich um 2005 von der Weltbank erstmals ausgewiesene private Kredite, von denen nicht klar ist, ob sie vor 2002 aufgenommen wurden und als Pre-Decision-Point-Schulden im Rahmen der HIPC-Initiative eigentlich hätten gestrichen werden müssen. Sierra Leone leistet auf diese sehr alten Forderungen keinen Schuldendienst. Die Weltbank weist den größten Teil davon als „im Zahlungsverzug“ aus.

Trend

Bis 2014 entwickelte sich die Auslandsverschuldung nach der HIPC/MDRI-Entschuldung des Landes relativ stabil. 2015 führten zwei externe Schocks dann aber zu einem spürbaren Anstieg: Die Ebola-Seuche und der Fall des Eisenerzpreises auf etwa die Hälfte des Wertes von 2014. Daraufhin brach die Produktion von 19,8 Millinen Tonnen in 2014 auf nur noch 0,8 Millionen Tonnen ein. Die Einnahmen aus dem Eisenerzverkauf gingen von 742 Millionen US-Dollar auf 78 Millionen US-Dollar zurück. Die gesamten Exporteinnahmen des Landes fielen um mehr als die Hälfte. Entsprechend stiegen die Schuldenindikatoren, die sich auf die Exporteinnahmen beziehen, deutlich an. Der Indikator Schuldenstand zu Exporteinnahmen überschritt dadurch erstmals kritische Grenzwerte. Der IWF geht von anhaltend niedrigen Preisen für das Hauptexportgut Eisenerz aus.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Sierra Leone

Sierra Leone erreichte den Decision Point unter der multilateralen HIPC-Initiative 2002. Umgesetzt wurde der dann beschlossene Erlass 2006.

Sierra Leone gehört zu den Spitzenreitern, was Umschuldungen im Pariser Club der öffentlichen bilateralen Gläubiger betrifft: 1977, 1980, 1984 und 1986 wurde jeweils ohne Erlasselement unter den so genannten Classic Terms umgeschuldet. 1992 und 1994 wurden unter London Terms begrenzte Erleichterungen bei den laufenden Zahlungen gewährt. Diese wurde 1996 unter Naples Terms erweitert und 2001 wurde unter den gleichen Bedingungen auch ein Teilerlass des gesamten bilateralen öffentlichen Schuldenstandes gewährt. 2002 schließlich wurden 90 Prozent der noch bestehenden bilateralen Forderungen unter Cologne Terms und 2007 endlich (fast ) alle noch verbliebenen Forderungen dieser Gläubigergruppe gestrichen (HIPC-Exit).

Eine Umschuldung im Londoner Club gegenüber den privaten Banken gab es 1995. Sie hat allerdings heute keine Bedeutung mehr.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF schätzte die Überschuldungsgefahr bis Ende 2018 als „mittel“ ein. Das bedeutet, dass er davon ausging, dass im am wahrscheinlichsten angesehenen Grundszenario die wesentlichen Indikatoren unter den vom IWF großzügiger als von erlassjahr.de definierten kritischen Grenzwerten bleiben beziehungsweise diese nur kurzzeitig überschreiten. Nur unter Schockszenarien steigen die Indikatoren dauerhaft in den kritischen Bereich. Am 1. Januar 2019 stufte der IWF Sierra Leone zum „Land mit hohem Überschuldungsrisiko“ hoch. Entsprechend geht er davon aus, dass ohne substanzielle Korrekturen der aktuelle Entwicklungspfad das Land erneut in die Staatspleite führen wird.

Ein zusätzliches Risiko könnte entstehen, wenn Inhaber der privaten Altforderungen diese an aggressive Geierfonds verkaufen, die dann auf volle Begleichung einschließlich der erheblichen aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen zu klagen – und Zugriff auf die Einnahmen aus dem Eisenerzexport gewinnen.

Politische Empfehlungen

Die Behörden des Landes sollten sich spätestens seit der Heraufstufung in die Hochrisiko-Kategorie darauf vorbereiten, nötigenfalls eine präventive Umschuldung vor Eintreten der Staatsinsolvenz anzustreben. Dazu könnten sie den Schulterschluss mit anderen ähnlich dramatisch vom Verfall der Rohstoffpreise betroffener Länder suchen.

 

Stand: August 2019

 

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