Niger

Hat Niger ein Schuldenproblem?

Nigers Schuldenindikatoren sind in den letzten Jahren teilweise über die kritischen Grenzwerte angestiegen und werden unter dem Druck der von COVID-19 ausgelösten Rezession absehbar weiter ansteigen. Zudem nimmt der Anteil der nicht-konzessionären Schulden am gesamten Schuldenstand beständig zu.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2018)

IndikatorAusprägungGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)36,140
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%) (Ende 2017)198,0150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%) (Ende 2017)8,515
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)55,150
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)258,2200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)3,26 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)123,7 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger von Niger?

NIG Gläubigerprofil 2020-10

Erklärung der Schuldenkategorien

 Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Im Ausland verschuldet ist ausschließlich der nigrische Staat, nicht aber Unternehmen, Banken und Privatpersonen. Drei Viertel der Auslandsschulden bestehen gegenüber multilateralen Gläubigern; etwa die Hälfte aller multilateralen Schulden entfällt auf das Weichkreditfenster der Weltbank, die IDA. Ein zunehmend größerer Teil entfällt auf einen nicht identifizierten „weiteren multilateralen“ Akteur, der Kredite vermutlich nicht-konzessionär vergeben hatte.

Auf China entfällt mehr als die Hälfte aller Schulden bei öffentlichen bilateralen Gläubigern. 2013 hat Niger mit der Volksrepublik China eine Kreditlinie über 1 Milliarde US-Dollar vereinbart, aus der von 2020 bis 2028 Mittel für die Finanzierung von Infrastrukturprojekten abgerufen werden können. Die Rahmenvereinbarung sieht einen Zinssatz von 2 Prozent, 5 Freijahre und einen Rückzahlungszeitraum von 25 Jahren vor. Der Zinssatz ist potenziell günstig, im aktuellen Niedrigzinsumfeld aber für den Kreditgeber durchaus lukrativ. Finanziert werden dürfen ausschließlich profitable Infrastrukturprojekte, denen die chinesische Exim-Bank im Einzelfall zustimmen muss.

Wichtigster westlicher Gläubiger ist mit deutlichem Abstand zu China Frankreich. Erstmals weist Niger in größerem Stil auch nicht-konzessionäre Schulden bei bilateralen Gläubigern aus. Der Hintergrund könnten Exportfinanzierungen aus Frankreich sein, deren genaue Konditionen nicht bekannt sind.

Deutschland ist kein Gläubiger von Niger.

Trend

Seit der Entschuldung unter der Entschuldungsinitiative MDRI (s.u.) sind Nigers Auslandsschulden durchgängig angestiegen. Insbesondere seit 2010 haben Investitionen in die Urangewinnung – Nigers wichtigster Devisenbringer – und die Exploration der neu entdeckten Öl-Lagerstätten zu einem Anstieg der Verschuldung geführt.

Bisherige Schuldenerleichterungen für Niger

Niger hat im Zuge des so genannten Millennium Rush im Jahr 2000 den Decision Point und im Jahr 2004 den Completion Point der multilateralen Entschuldungsinitiative für hochverschuldete arme Länder HIPC (engl. Highly Indebted Poor Countries Initiative) erreicht. 2005 wurden unter der multilateralen Entschuldungsinitiative MDRI (engl. Multilateral Debt Relief Initiative) fast alle verbleibenden Schulden bei IDA, Internationalem Währungsfonds (IWF) und AfDF (dem Weichkreditfenster der Afrikanischen Entwicklungsbank gestrichen). Durch letztere wurde der Schuldenstand von stabil rund 2 Milliarden US-Dollar auf seinen seitherigen Tiefststand von 805 Millionen US-Dollar gedrückt.

Zuvor hatte Niger zwischen 1984 und 1996 unter verschiedenen Rahmenwerken neun mal im Pariser Club über Schuldenerleichterungen verhandelt, ohne einer dauerhaften Lösung seines Schuldenproblems näher gekommen zu sein. Erst die beiden Verhandlungsrunden im Kontext der HIPC-Initiative 2001 und 2004 halbierten die Forderungen der Pariser Club-Mitglieder.

Niger wurde von den G20 im April 2020 im Rahmen des Schuldenmoratoriums DSSI (engl. Debt Service Suspension Initiative) eine Stundung der Schuldendienstzahlungen angeboten, die die Regierung auch angenommen hat. Sie spart damit im Jahr 2020 Jahr nach Angaben der Weltbank Schuldendienstzahlungen in Höhe von 25,8 Millionen US-Dollar, die in die Pandemie-Bekämpfung investiert werden sollen. Sollte die DSSI über das ganze Jahr 2021 verlängert werden, stünden dafür noch einmal 49,5 Millionen US-Dollar zur Verfügung.

Zudem ist Niger in den Genuss der Schuldenstreichung gegenüber dem IWF durch dessen Entschuldungsfazilität CCRT (engl. Catastrophe Containment and Relief Trust) gekommen. Rund 7 Millionen US-Dollar Schuldendienst an den IWF werden dadurch von der CCRT statt von Niger beglichen.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der IWF schätzt Nigers Überschuldungsrisiko anhaltend als “mittel” ein. Das heißt, er erwartet keine Zahlungsprobleme, sofern sich das Land an die mit dem Fonds vereinbarten wirtschaftspolitischen Vorgaben hält (Baseline Scenario). Abweichungen von diesem können allerdings dazu führen, dass kritische Grenzwerte überschritten werden.

Die hohe Abhängigkeit vom Uranexport bedingt auch eine Verletzlichkeit des Landes von den Preisen für Uran auf dem Weltmarkt.

Die von COVID-19 ausgelöste Rezession wird Niger nach Einschätzung des IWF nur vergleichsweise mild treffen: Er geht für das Jahr 2020, in dem die gesamte Weltwirtschaft um 4,9 Prozent einbrechen soll, in Niger von einem bescheidenen Wachstum von 0,5 Prozent aus.

Ein zusätzliches Risiko stellt die in der gesamten Sahel-Region spürbare Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus dar.

Politische Empfehlungen

Niger ist eine typische extraktive Ökonomie, die für externe Einflüsse – vor allem Nachfrage- und Preisschwankungen seiner exportierten Güter – extrem anfällig ist. Es sollte auf die Schaffung von besonderen Entschuldungsmöglichkeiten für besonders “vulnerable” Länder auch jenseits der Überwindung von COVID-19 hinarbeiten.

 

Stand: Oktober 2020

 

Gefördert von ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des

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