Malediven

Haben die Malediven ein Schuldenproblem?

Die Auslandsschulden der Malediven sind infolge großer Investitionsoffensiven Chinas und Indiens seit Mitte der 2010er Jahre deutlich angestiegen und liegen deutlich im kritischen Bereich. Es ist fraglich, ob das Land eine Chance hat, unter den anhaltenden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Tourismus und des Krieges in der Ukraine auf die Energiepreise aus dieser Situation herauszuwachsen.

Die wichtigsten Schuldenindikatoren (Stand 2020)

IndikatorWertGrenzwert
Auslandsverschuldung im Verhältnis zum Bruttonationaleinkommen (%)90,540
Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)189,7150
Jährlicher Schuldendienst im Verhältnis zu den jährlichen Exporteinnahmen (%)15,915
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zum BIP (%)146,050
Öffentliche Verschuldung im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen (%)536,2200
Auslandsschuldenstand (US-Dollar)3,315 Mrd.
Schuldendienst: Zinsen und Tilgungen an ausländische Gläubiger (US-Dollar)285,3 Mio.

Erklärung zu den Indikatoren und Grenzwerten

Wer sind die Gläubiger der Malediven?

Erklärung der Schuldenkategorien

Die gesamten Auslandsschulden eines Landes setzen sich aus den Schulden des öffentlichen Sektors und denen des Privatsektors zusammen. Im Diagramm sind öffentliche Schulden mit Vollfarben und private Auslandsschulden schraffiert dargestellt.

Bei den öffentlichen Schulden werden drei Gläubigergruppen unterschieden, nämlich multilaterale öffentliche Gläubiger – das sind vor allem Entwicklungsbanken und der IWF -, bilaterale öffentliche Gläubiger – das sind andere Regierungen – und private Gläubiger.

Bei den beiden öffentlichen Gläubigerkategorien unterscheiden wir zudem nach konzessionären, also zinsgünstigen Krediten zu Entwicklungshilfebedingungen, und Krediten zu Marktbedingungen („nicht-konzessionäre“).

Bei den öffentlichen Schulden bei privaten Gläubigern unterscheiden wir die beiden Hauptinstrumente, nämlich Bankkredite und Anleihen. Diese beiden Instrumente unterscheiden wir auch bei den Auslandsschulden des Privatsektors.

Rund neun Zehntel der gesamten Auslandsschulden der Malediven bestehen auf Seiten des Staates. Dabei wiederum überwiegen die Verbindlichkeiten gegenüber öffentlichen ausländischen Gläubigern deutlich.

Unter den multilateralen und bilateralen öffentlichen Gläubigern ist eine Verschiebung zu nicht-konzessionären Finanzierungen deutlich erkennbar.

Wichtigste multilaterale konzessionäre Geber sind die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) und die Asiatische Entwicklungsbank. Bei den marktnahen Finanzierungen haben der OPEC-Fund und die Europäische Investitionsbank ihr Engagement deutlich ausgeweitet.

Am stärksten gewachsen ist der Schuldenstand gegenüber bilateralen Gläubigern. Vor allem die starke Ausweitung von Infrastrukturkrediten durch China (892 Millionen US-Dollar zum 31.12.2020; nach Medienberichten sollen diese bis Ende 2021 auf rund 1,4 Milliarden US-Dollar angestiegen sein) und Indien (453 Millionen US-Dollar) hat zu dem dramatischen Schuldenanstieg der Malediven geführt. In beiden Fällen bedeutet das eine Versechsfachung des Schuldenstandes.

Deutschland hält keine Forderungen an die Malediven.

Trend

Seit Mitte der letzten Dekade sind die Auslandsschulden der Malediven explosionsartig gewachsen. Das ist vor allem die Folge des starken Engagements von China und Indien im Bereich der nicht-konzessionären Kreditvergabe.

Bisherige Schuldenerleichterungen für die Malediven

Bisher haben die Malediven ihre Auslandsschulden noch nicht restrukturiert. Allerdings haben sie im September 2020 die Moratoriumsinitiative der G20 (Debt Service Suspension Initiative, DSSI) zur Abmilderung der Folgen der Pandemie in Anspruch genommen. Dadurch konnten sie 2020 9,1 Millionen US-Dollar und 2021 sogar 272,5 Millionen US-Dollar an Schuldendienst vor allem gegenüber Indien und China auf den Zeitraum 2023 bis 2027 verschieben, allerdings mit Zinsen. Mit 4,9 Prozent der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung war die Entlastung 2021 die höchste die überhaupt einem Land durch die DSSI gewährt wurde.

Für die multilaterale Entschuldungsinitiative für hoch verschuldete arme Länder (Heavily Indebted Poor Countries, HIPC) waren die Malediven nicht qualifiziert.

Aktuelle Risiken für die Schuldentragfähigkeit

Der Internationale Währungsfonds (IWF) bescheinigt den Malediven ein „hohes“ Überschuldungsrisiko. Das heißt, er geht davon aus, dass die von ihm erwartete wirtschaftliche Entwicklung zum Überschreiten der kritischen Grenzwerte und möglicherweise zu einem Zahlungsausfall führt. Die gesamten öffentlichen Schulden der Malediven gehörten ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie relativ zur Wirtschaftsleistung des Landes zu den höchsten weltweit. Hauptauslöser dafür war sicherlich der Zusammenbruch des weltweiten Tourismus, der direkt etwa 30 Prozent und insgesamt mit seinen indirekten Effekten geschätzte 75 Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Eine vorsichtige Erholung dieses Sektors wird seit Anfang 2022 durch den Anstieg der Preise für importierte Energie konterkariert.

Politische Empfehlungen

Anders als andere kleine Inselstaaten sind die Malediven weniger durch klimawandelbedingte Naturkatastrophen als durch die Folgen der Corona-Pandemie und den Anstieg der Energiepreise gefährdet. Sie sollten im Kontext der Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS) darauf dringen, dass die in deren Statement on Debt von Juni 2020 erhobene Forderung nach einem Moratorium plus umfassender Schuldenrestrukturierung nicht nur in Fällen von Naturkatastrophen erhoben wird, sondern auch im Falle anderer externer Bedrohungen der Schuldentragfähigkeit. In ihrer Stellungnahme zu einer Anhörung in der 76. Vollversammlung der Vereinten Nationen hatte die Regierung bereits ambitionierte Vorschläge für eine Reform der globalen Schuldenarchitektur vorgebracht.

Ein unmittelbarer nächster Schritt könnte angesichts des relativ großen Umfangs der DSSI die Beantragung einer umfassenden Umschuldung unter dem Common Framework der G20 sein.

Stand: Juli 2022