Das Interview führten Malina Stutz, Politische Referentin bei erlassjahr.de, und Benjamin Bergmann.
Sri Lanka hat kürzlich seine Schulden restrukturiert. Wie ist die aktuelle Lage im Land?
Sri Lanka befindet sich nach wie vor in einer schweren Schulden- und Wirtschaftskrise, die 2022 offen ausbrach und bis heute andauert. Ihre Ursachen reichen weit zurück in die Kolonialgeschichte sowie in Strukturreformen, die das Land seit seiner Unabhängigkeit im Rahmen von 17 IWF-Programmen umsetzen musste. Auch die aktuellen Maßnahmen des laufenden IWF-Programms führen zu wirtschaftlicher und sozialer Not. Darüber hinaus hat das Land sowohl mit den Folgen schwerer klimawandelbedingter Katastrophen zu kämpfen – darunter den Zerstörungen durch den Zyklon Ditwah Ende 2025 – als auch mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten.
Wie wirkt sich das auf die Menschen in Sri Lanka aus?
Eines der drängendsten Probleme sind die steigenden Lebenshaltungskosten. Darüber hinaus wirken sich die Krisen auf verschiedene Menschen unterschiedlich aus. Bäuer*innen beschreiben vor allem die hohen Düngemittelpreise als drängendstes Problem. Arbeiter*innen in der Textilindustrie kämpfen mit Fabrikschließungen und Lohnproblemen. Und Menschen aus den tamilischen Gemeinschaften wurden besonders hart vom Zyklon Ditwah getroffen, einer der schlimmsten Umweltkatastrophen der letzten zehn Jahre. Viele der betroffenen Gemeinden hatten über Jahre für ihr Recht auf Land gekämpft. Nun wurden viele der Gebiete, in denen sie lebten, vom Zyklon und von Erdrutschen heimgesucht. Ein Großteil dieses Landes gilt nun als unbewohnbar und soll nicht wieder bewohnt werden, um künftige Katastrophen zu verhindern. Infolgedessen geraten die Landrechtsforderungen dieser Menschen zunehmend in den Hintergrund und werden in der Praxis kaum noch berücksichtigt. Jeder dieser Kämpfe ist sehr stark sowohl mit der Schulden- als auch mit der Klimakrise verknüpft.
Kannst Du diese Zusammenhänge näher erläutern?
Besonders deutlich treffen diese multiplen Krisen Frauen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Sie sind unmittelbar von der Klimakrise betroffen – das zeigt sich derzeit noch immer in den Folgen des Zyklons, aber auch allgemeiner in immer häufiger auftretenden Dürren und Überschwemmungen.
Diese Anfälligkeit ist zum Teil auch auf frühere Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zurückzuführen. Die Weltbank hat wiederholt erklärt, dass das Land in Sri Lanka nicht ausreichend genutzt werde, und dabei darauf verwiesen, dass rund 30 Prozent des Landes bewaldet seien. Sie hat zudem argumentiert, dass sich unsere landwirtschaftlichen Methoden ändern müssten und wir die Landwirtschaft stärker auf den Export ausrichten sollten. Aber die Umstellung auf eine extraktivistische Landwirtschaft hat unsere Böden zerstört und sie weniger widerstandsfähig gegenüber extremen Wetterereignissen gemacht. Die in den 1960er Jahren in Sri Lanka eingeführte Grüne Revolution hat unsere landwirtschaftlichen Praktiken grundlegend verändert und uns strukturell von importierten Düngemitteln abhängig gemacht. Wenn wir heute angesichts globaler Preisschocks von einer Düngemittelkrise sprechen, sprechen wir von einer Abhängigkeit, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde.
Schließlich führt die fortschreitende Ausdehnung landwirtschaftlicher und industrieller Flächen zu schweren Konflikten zwischen Menschen und Wildtieren. Sri Lanka weist einen der schlimmsten Konflikte zwischen Mensch und Elefant weltweit auf – mit einer der höchsten Zahlen an menschlichen Todesopfern und der höchsten Zahl an toten Elefanten.
Inwiefern spielt die Schuldenkrise dabei eine Rolle?
Schulden und die Auflagen des IWF sind eines der wichtigsten Instrumente, um diese Veränderungen in der Landwirtschaft voranzutreiben. Wenn wir über die Staatsschuldenkrise sprechen, müssen wir zudem auch die private Verschuldung ansprechen, da in Sri Lanka ein enger Zusammenhang zwischen beidem besteht: Die Auflagen des IWF haben unter anderem zu einer weiteren Kürzung öffentlicher Subventionen geführt, beispielsweise für Düngemittel. Viele Bäuerinnen sind nicht mehr in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Infolgedessen boomt der Mikrokreditmarkt und treibt viele Frauen in die Überschuldung. In den letzten Jahren haben sich mehrere hundert Frauen, darunter viele Mütter, das Leben genommen, weil sie ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. Die ungelöste Staatsschuldenkrise, unzureichende Schuldenerleichterungen internationaler Gläubiger und die vom IWF geforderten Anpassungsmaßnahmen führen in Sri Lanka so aktuell zu einem tödlichen Kreislauf der privaten Verschuldung.
Kannst Du uns etwas mehr über den Mikrokreditsektor erzählen?
Das Geschäft mit Mikrokrediten funktioniert so, dass den Frauen von den Finanzunternehmen zunächst gesagt wird, die Kredite seien leicht zugänglich und dass kaum Formulare ausgefüllt werden müssen. Die damit verbundenen Bedingungen werden ihnen nicht weiter erklärt. Meistens sind diese Formulare auf Englisch, und viele Betroffene können weder Englisch lesen noch schreiben. Sie setzen daher einfach ihre Unterschrift darunter. Die Kredite werden in der Regel aufgenommen, um Dünger oder Saatgut für die Landwirtschaft zu kaufen. Kommt es jedoch zu Überschwemmungen oder Dürren, die die Ernte zerstören, können die Kredite nicht zurückgezahlt werden. In der Folge nehmen die Betroffenen häufig einen weiteren Mikrokredit bei einem anderen Unternehmen auf, um die zuvor aufgenommenen Schulden zu begleichen.
So ist es zu einem Kreislauf gekommen, in dem das Leben der Menschen stark von Schulden bestimmt wird. Nach jeder Ernte steht die Rückzahlung der Kredite an erster Stelle. Dadurch bleibt nicht genug Geld für die Bildung der Kinder, für Gesundheitsausgaben oder für andere grundlegende Bedürfnisse. Für Bereiche wie psychische Gesundheit bleibt kaum etwas übrig.
Die öffentliche Schuldenkrise überträgt sich so also auf die privaten Haushalte?
Ja, während die Regierung einen Großteil ihrer Einnahmen für Schuldentilgungen aufwendet, spielt sich dasselbe auch in den privaten Haushalten ab. Dieser Zusammenhang ist kein Zufall. Als Sri Lanka kürzlich seine öffentlichen Schulden restrukturierte, weigerten sich internationale Gläubiger, Schuldenerleichterungen zu gewähren, solange nicht zuerst inländische Schuldtitel restrukturiert würden. In der Praxis bedeutete dies, dass die Ersparnisse von Arbeitnehmer*innen des öffentlichen Rentenfonds EPF gekürzt wurden, während Geschäftsbanken faktisch gebailoutet wurden. Und nachdem die Kreditvergabe an Angestellte erschöpft war, expandierten Finanzinstitute in ländliche Gemeinden und weiteten dort die Mikrofinanzierung aus.
Wer ist davon am stärksten betroffen?
Wir hören, dass Männer häufig zögern, diese Verträge zu unterschreiben, weshalb Frauen dazu gebracht werden, dies zu tun. Gleichzeitig sind Frauen spezifischen Formen an Gewalt ausgesetzt. Wenn Kreditunternehmen zur Eintreibung der Schulden kommen, wurde in einigen Fällen von sexueller Erpressung berichtet. Eine gängige Methode besteht auch darin, den Ruf der Frauen zu schädigen, indem beispielsweise in der Nachbarschaft verbreitet wird, dass sie Kredite aufgenommen haben und diese nicht zurückzahlen. Aufgrund der sozialen Strukturen, in denen wir leben, treffen diese Methoden Frauen stärker als Männer.
Dies ist sogar noch tiefer strukturell verankert. Das derzeitige Wirtschaftssystem behandelt die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen und ökologische Externalitäten weiterhin auf dieselbe Weise: Sie werden als Stoßdämpfer oder Puffer behandelt, auf die sich das derzeitige Wirtschaftssystem stützt und auf denen es aufbaut – ohne jegliche Entschädigung oder auch nur Berücksichtigung der dadurch verursachten Folgen. Dieses Wirtschaftssystem ist nicht nachhaltig. Es zerstört sowohl den Planeten als auch das Leben der Menschen.
Wie engagierst du dich in diesem Zusammenhang persönlich? Du bist Teil des Yukthi-Kollektivs – was umfasst deine Arbeit dort?
Ja, das bin ich. Ich halte es für entscheidend, die Organisation von Frauen und Bäuer*innen zu unterstützen und die Plantagengemeinschaften, insbesondere die Malaiyaha-Frauen, in den Mittelpunkt dieses Kampfes zu stellen. Gerechtigkeit lässt sich nicht überstürzt erreichen; Gerechtigkeit braucht Zeit, sie braucht Wahrhaftigkeit und sie bedeutet Rechenschaftspflicht. All diese Dinge erfordern den Aufbau intensiver Beziehungen.
Was die globale Politik angeht, ist es notwendig, die Menschen darin zu schulen, diese Dinge kritisch zu betrachten. Das vorherrschende Verständnis berücksichtigt keine globale Rechenschaftspflicht. Stattdessen dominiert die Vorstellung, dass wir nur deshalb verschuldet sind, da unsere Politiker mehr Kredite aufgenommen haben, als wir zurückzahlen können. Das ist zwar nicht falsch, greift aber zu kurz: Viele Menschen betrachten die Verschuldung als etwas, das plötzlich im Jahr 2022 auftauchte oder 2015 oder 2017 begann. Tatsächlich reichen die Entwicklungsschulden jedoch bis in die Zeit kurz nach der Kolonialisierung zurück.
Auch beim Klimawandel gehen viele davon aus, dass der Planet brennt, weil wir durch Handlungen wie das Wegwerfen von Plastik und andere individuelle Verhaltensweisen die Umwelt verschmutzen. Strukturelle Ursachen werden jedoch kaum in den Blick genommen. Ich denke, das hängt auch stark mit der Unternehmenskommunikation zu Umwelt- und Klimafragen zusammen, die sich immer an Einzelpersonen richtet und nicht an das System. Viele Menschen erkennen die strukturellen Probleme nicht – nicht, weil es ihr Fehler wäre, sondern weil diese für sie schlicht nicht sichtbar und adressierbar sind.
Auf welche Herausforderungen stößt Du bei dieser Arbeit?
Selbst, wenn die Menschen die globale Ebene der Entscheidungsfindung verstehen, wird dies oft als etwas wahrgenommen, auf das wir keinen Einfluss haben oder gegen das wir nichts tun können – außer dem zu folgen, was uns gesagt wird. Das Gleiche gilt für den IWF. Das aktuelle IWF-Programm ist bereits das 17. Programm, das Sri Lanka durchläuft. Wir haben bereits in der Vergangenheit genau das getan, was man uns gesagt hat, aber es hat nicht funktioniert. Gleichzeitig sehen die Menschen keine anderen Lösungen, als damit fortzufahren. Es herrscht zudem die Überzeugung, dass wir uns dem weltweiten Trend anschließen müssen.
Um ein Beispiel zu geben: Wir sind derzeit dabei, weitere staatliche Unternehmen zu privatisieren. Hätte man vor 10 oder 15 Jahren mit den Menschen über Privatisierung gesprochen, hätten sie das nicht gutgeheißen. In den letzten Jahren gab es jedoch intensive Kampagnen, und mittlerweile glauben viele Menschen, dass Privatisierung etwas Positives ist. Von Fernsehserien über Straßentheater und Puppenspiele bis hin zu sozialen Medien gab es sehr gezielte Kampagnen, die Politik des IWF in Sri Lanka populär zu machen.
Allgemeiner gesagt gibt es eine Kluft in Bezug darauf, was als überlegenes Wissen gilt – es findet eine kontinuierliche Kolonisierung unserer Gedanken und darüber die Herstellung von Konsens statt. So wird die Wirtschaftswissenschaft beispielsweise als überlegenes Wissen behandelt und wirtschaftliche Fragen als etwas, das nur Ökonom*innen verstehen und zu dem nur sie eine legitime Meinung haben dürfen.
Würdest Du sagen, dass sich Deine Arbeit in erster Linie auf Bottom-up-Strategien konzentriert?
Ich denke, die Organisation und Mobilisierung der Menschen rund um diese Themen ist ein wichtiger Weg nach vorne, aber ich glaube nicht an reine Bottom-up-Lösungen. Angesichts der starken Einbindung in den globalen Handel und der Tatsache, dass die globale Finanzarchitektur viele Bedingungen unseres Alltags diktiert, muss Veränderung auch auf dieser Ebene stattfinden. Deshalb arbeite ich neben meiner Tätigkeit beim Yukthi Collective als Researcherin im Bereich Schuldengerechtigkeit bei einer anderen lokalen Organisation und versuche, Klimagerechtigkeitsaspekte in meine Arbeit einzubeziehen, da dies mein Hintergrund ist.
Außerdem arbeite ich derzeit mit einer internationalen Organisation zum Thema Klimaverantwortlichkeit zusammen. Ich versuche, beides unter einen Hut zu bringen, denn bei den beiden Themen, mit denen ich mich beschäftige – Klima und Schulden –, sind sowohl lokale Rechenschaftspflicht und Veränderungen vor Ort als auch globale Rechenschaftspflicht und politische Veränderungen auf internationaler Ebene erforderlich. Deshalb arbeite ich strategisch mit beiden Organisationen zusammen. Ich bin außerdem Mitglied der globalen Bewegung „Debt for Climate“, die sich für die Streichung der Schulden des Globalen Südens einsetzt.
Was forderst Du von den Regierungen im Globalen Norden?
Es ist eine sehr seltsame Zeit, um diese Frage zu beantworten. Vielleicht wäre es für den Anfang gut, sich ein wenig besonnener zu verhalten. Ich halte es für wichtig zu verstehen, wie koloniale Entscheidungen unsere heutige Realität geprägt haben, und die Autonomie und Souveränität anderer Nationen zu respektieren. Ich denke, dass Regierungen des Globalen Nordens auch die Verantwortung haben, andere Staats- und Regierungschef*innen des Globalen Nordens zur Rechenschaft zu ziehen, wenn diese gegen das Völkerrecht verstoßen oder andere Länder nicht respektieren. Wohlhabende Länder sind besser in der Lage, diese Regierungen zur Verantwortung zu ziehen.
Was Top-down-Ansätze angeht, geht es außerdem darum, das internationale Wirtschaftssystem so umzugestalten, dass es nachhaltig ist und das Wohlergehen der Menschen auf diesem Planeten statt Profite in den Mittelpunkt stellt. Das ist natürlich ein gewaltiges Unterfangen, aber es ist für das Überleben von Mensch und Planet gleichermaßen unerlässlich.
Was wünschst Du dir von der Zivilgesellschaft im Globalen Norden?
In erster Linie möchten wir, dass ihr eure eigenen Regierungen zur Rechenschaft zieht, wie ich es gerade beschrieben habe. Darüber hinaus braucht die Zusammenarbeit mit Gruppen im Globalen Süden ein hohes Maß an Sensibilität. Immer wiederbeobachten wir, dass internationale NGOs mit lokalen Gruppen auf eine Weise zusammenarbeiten, die koloniale Dynamiken reproduziert. Ich habe mit Gruppen zusammengearbeitet, die sich dem Aufbau von Bewegungen verschrieben haben, doch diese sollten sich danach richten, was für die Gemeinschaften selbst essentiell ist – nicht an externe Vorgaben. Was als Erfolg gilt, kann nicht von außenstehenden Akteuren aus dem Globalen Norden definiert werden. Ich glaube auch, dass viele dieser Bewegungen letztendlich nicht von Dauer sind, weil sie nicht von der Basis aus entstehen. Zudem passen die Strukturen häufig nicht zum lokalen Kontext. Häufig wird lokales Engagement so in eine NGO-Industrie hineingezogen, in der es letztlich darum geht, die eigene Organisation und die eigene Arbeit aufrechtzuerhalten, statt tatsächlich den Kampf zu gewinnen, den man ursprünglich führen wollte. Das ist meine Beobachtung vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen, die grundsätzlich gute Absichten verfolgen. Wenn man die Gemeinschaft, mit der man arbeitet, nicht wirklich versteht und Erfolg oder Fortschritt ausschließlich durch Narrative des Globalen Nordens definiert, dann ist das, was im Globalen Südens entsteht, auf lange Sicht nicht nachhaltig.
Wenn ihr mehr über die Arbeit von Melani Gunathilaka und das Yukthi-Kollektiv erfahren wollt, informiert euch auf der Webseite von Yukthi und folgt Melani in den Sozialen Medien – z.B. hier auf LinkedIn oder hier auf Instagram.



